Schweiz-kompatibel werden lohnt sich

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Bericht zur Veranstaltung “Arbeiten in der Schweiz” am 13.07.2009 im Haus der Wirtschaft.

„Wenn Sie die Schweiz nicht als 17.Bundesland verstehen, ist es ein wunderbares Land, um dort zu arbeiten.“ Dieses Fazit zieht Frank Keidel, Sprecher des Schweizerischen Versicherungsverbandes, auf der CSN-Veranstaltung „Arbeiten in der Schweiz“ über seine acht Jahre als „Aufenthalter“ in der Schweiz. „Aufenthalter“, so werden in der Schweiz deutsche und andere ausländische Arbeitnehmer genannt, die zum Arbeiten dorthin kommen, erklärt Heike Stoof-Sasse, Beraterin für die Akademiker in der Zentralen Auslandsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Berlin.

Der Schweizer Arbeitsmarkt funktioniert anders als der deutsche. Die Wirtschaftsordnung ist liberaler, Angestellte werden schneller eingestellt als hier – aber auch schneller wieder entlassen, wenn sie nicht die erwartete Leistung bringen. Auch die Bewerbungsgespräche laufen anders. Die Hälfte der Zeit wird darauf verwendet, die das Unternehmen vorzustellen. Harte Gehaltsverhandlungen sind nicht erwünscht: Die Firma bietet in der Regel das an, was sie hinterher auch zahlt. Schon gar nicht sollte man im Bewerbungsgespräch über Kleinigkeiten wie Handykosten verhandeln, rät Keidel. Diese Dinge regelten sich hinterher von selbst – und ohne, dass man dabei über den Tisch gezogen werde. Eine weitere Eigenart begegnet einem bei der schriftlichen Bewerbung: „Manchmal wird erwartet, dass man die Anschreiben handschriftlich verfasst“, erzählt ZAV-Beraterin Stoof-Sasse. Dann werden Graphologen hinzugezogen, die ein Urteil über den Bewerber abgeben sollen. Die Schweiz – ein Arbeitsparadies für Graphologen?

Nicht nur, wie sich herausstellt. In der Schweiz liegt die Akademiker-Arbeitslosigkeit bei unter zwei Prozent, weiß Frank Keidel. Das kommt zum einen daher, dass die Wirtschaftsleistung trotz Krise nach wie vor hoch ist. Das kommt aber auch daher, dass die Schweiz selbst viel zu wenig Akademiker ausbildet. Nur 26 Prozent der Schweizer macht das Abitur, die anderen steigen früher aus der Schule aus – bilden sich aber dafür ihre Leben lang fort und erarbeiten sich so ihre Karriere. Die niedrige Zahl der Uni-Absolventen spiegelt sich auf dem Arbeitsmarkt in offenen Stellen und guten Chancen wider. Auf eine Stelle für Geisteswissenschaftler kommen nur etwa 20-30 Bewerbungen. Also traumhafte Verhältnisse für die gebeutelten deutschen Absolventen dieser Fächer, die häufig genug mit Hunderten an Mitbewerbern konkurrieren: „Wenn man bereit ist, Abstriche zu machen und erst einmal die unattraktiven Jobs zu machen, klappt der Einstieg ganz gut,“ berichtet PR-Fachmann Keidel. Attraktive Jobs müsse man sich dagegen erst erarbeiten – und Schweiz-kompatibel werden.

Mit der Schweiz-Kompatibilität ist das so eine Sache. Deutsche gelten dort als laut, rücksichtslos und ungehobelt. Das hängt sehr stark mit den Kulturunterschieden zwischen diesen Ländern zusammen, die man nicht unterschätzen sollte. Beispielsweise legen Schweizer großen Wert darauf, dass man sich rücksichtsvoll verhält und auf Schwächere achtet. „In der Schweiz gibt es eine Holschuld, nicht wie in Deutschland eine Bringschuld“, bringt Pressesprecher Keidel die Unterschiede auf den Punkt. Während man sich in Deutschland melden und gegen andere durchsetzen muss, wenn man etwas möchte, holen die Schweizer ihre Mitbürger da ab, wo sie sind: „Die Schweizer fragen häufig: Ist das so okay für dich? Und das gilt auch für die Vorgesetzten“, erklärt Keidel.

Dass man anfänglich immer wieder in Fettnäpfchen tritt und mehr als „Dütscher“ denn als Individuum wahrgenommen wird, lässt sich für Neulinge wohl nicht vermeiden. Allerdings trifft man auf eine große Zahl von Landsleuten, die einem bei Problemen weiterhelfen können: Um die 300.000 Deutsche leben und arbeiten mittlerweile in der Schweiz. Und nach zwei bis drei Jahren klappt es dann auch mit den Einheimischen, wenn man sich Mühe gibt.

Annegret Nill

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